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Chancengleichheit im Niedersächsischen Schulsystem
Thesenpapier zum Landesausschuss der Schüler Union Niedersachsen am 28. November 2015 in Hannover

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Verfasser:
Anna Grill (KV Heidekreis)
Philipp Heitmann (KV Oldenburg-Stadt)
Johannis Wilbertz (KV Wesermarsch)

Chancengleichheit im niedersächsischen Schulsystem

1. Was ist Chancengleichheit und warum ist sie im Schulsystem wichtig?
Chancengleichheit im Schulsystem bedeutet, dass jeder Schüler während seiner Schulzeit die gleichen Chancen haben muss wie seine Mitschüler. Besondere Wichtigkeit hat dies, da in der Schule die Grundlagen für Partizipation und Teilhabe an der Gesellschaft gelegt werden.
Problematisch kann es dabei werden, wenn Schüler aus einkommensschwachen oder sogenannten bildungsfernen Familien kommen. Damit sie dadurch nicht nachteilig eingeschränkt werden und dennoch ihre Leistung voll entfalten können, muss überlegt werden, wie die Situation in Niedersachsen verbessert werden kann.

2. Aktuelle Situation
Die Chancengleichheit an bundesdeutschen Schulen wird regelmäßig durch den Chancenspiegel der Bertelsmann-Stiftung dargelegt, dabei schnitt das Bundesland Niedersachsen in den letzten Jahren durchschnittlich ab. Während Niedersachsen in der Inklusion durchschnittlich gute Noten erhielt und sich gegen die anderen Bundesländer durchsetzen konnte, zeigte sich dort auch, dass es vor allem im Bereich der Ganztagsschulen Nachholbedarf gibt. Des Weiteren befindet sich Niedersachsen im Bereich Durchlässigkeit zwischen den Schulformen im unteren Bereich des Bundesländervergleichs.

2.1 Außerschulische Veranstaltungen und Fahrten
Erkanntes Problem des Schulsystems in Sachen Chancengleichheit ist unter anderem die Finanzierung von Schulfahrten und Austauschen. Für die Finanzierung müssen die Eltern im Regelfall persönlich aufkommen. Eine Finanzierung für Schüler aus Familien, die Sozialleistungen beziehen, ist zwar möglich. Der bürokratische Aufwand ist jedoch ebenso wenig zu unterschätzen, wie die Finanzierungsprobleme für Kinder, deren Eltern keine Sozialleistungen beziehen. Können Kinder aus finanziellen Gründen etwa nicht an Klassenfahrten teilnehmen, kann das das Klima innerhalb der Klasse negativ beeinflussen. Auch fehlen den Kindern wichtige Möglichkeiten zum Erlernen sozialer Kompetenzen.
Kosten von weiteren extracurricularen Veranstaltungen, etwa Konzerten oder Schulfesten, tragen, wenn sie durch die Erziehungsberechtigten der Kinder selbst nicht getragen werden können, häufig Förder- oder Elternvereine. Wenn diese Vereine nicht existieren bzw. nicht die möglichen Mittel zur Verfügung haben, ist es für die Kinder nur selten möglich, an diesen Veranstaltungen teilzunehmen. Hier steht eine Hilfe durch den Staat meist nicht zur Verfügung.
Können die Schüler aus finanziellen Gründen an solchen außerschulischen Veranstaltungen nicht teilnehmen, verpassen sie nicht nur spannende und lehrreiche Erlebnisse, die ihre Entwicklung positiv beeinflussen können, sondern es besteht auch die Gefahr, dass sie innerhalb der Klasse als „gebrandmarkt“ gelten und Opfer von Häme und Spott werden.
Sinnvoll wäre es etwa, durch den Schulträger eine Finanzierungsstelle zu schaffen, die Schülern, deren Eltern, die Kosten von Schulveranstaltungen und extracuriccularen Aktivitäten nachweißlich nicht tragen können, finanziell hilft, an diesen Veranstaltungen teilzunehmen. Zudem sollte der Schulvorstand der betreffenden Schule eine auf die Schüler abgestimmte Kostenobergrenze bestimmen, um die Eltern oder andere Kostenträger nicht zu stark zu belasten. Dadurch können zudem die Fördervereine entlastet werden.

2.2. Beförderungskosten
Eine weitere Belastung sind vor allem die Beförderungskosten für Schüler der gymnasialen Oberstufe. Diese werden ab der elften Klasse nicht mehr vom Landkreis bzw. der kreisfreien Stadt bezahlt, sondern müssen von den Schülern bzw. den Eltern selbst getragen werden. Auch eine Ermäßigung findet meist nicht statt. Gerade für Kinder aus ländlichen Regionen kann dies zum Problem werden: Das nächste Gymnasium ist weit weg, die Zug- oder Busfahrt dauert sehr lange und ist dementsprechend teuer. Kosten bis zu 120 Euro pro Monat sind hier keine Seltenheit.
Bei sozialschwachen Familien werden diese Beförderungskosten in der Regel übernommen oder zumindest bezuschusst. Schwierig wird es jedoch, wenn die Familien ein gerade „ausreichendes“ Einkommen haben und keine Sozialleistungen beziehen. Hier ist die Bewältigung der hohen Kosten meist ein großes Problem.
Daher ist es essentiell, dass die Kosten für die Beförderung sämtlicher Schüler auch in der Oberstufe übernommen werden. Um die Kommunen zu entlasten, sollte das Land diese Kosten tragen. Nur so wird allen Schülern ermöglicht, den Unterricht zu besuchen.

2.3 Schulmaterialien
Ein ähnlicher Konflikt zeigt sich bei den Kosten für Schulmaterialien. Auch hier können Oberstufenschüler beispielsweise Schulbücher nicht mehr kostenlos oder kostengünstig über die Schule ausleihen, sondern müssen alle oder zumindest viele Bücher selbst kaufen. Dazu kommen Kosten für Arbeitshefte und gewöhnliche Schulmaterialien, wie Blöcke, Stifte usw. Auch graphische Taschenrechner, wie sie etwa ab der Mittelstufe für den Mathematikunterricht benötigt werden oder elektronische Übersetzer, die oft spätestens ab der Oberstufe im Fremdsprachenunterricht genutzt werden, kosten hohe Summen.
Zwar können Kinder aus sozialschwachen Familien im Rahmen des Bildungspaketes jährlich 100 Euro für Schulbedarf erhalten. Auch hier ist jedoch wieder der hohe bürokratische Aufwand zu erwähnen. Problematisch ist weiterhin, dass die genannte Summe oft nur einen Teil der Kosten deckt – meist muss trotzdem ein nicht unerheblicher Betrag von den Eltern getragen werden. Natürlich können die Materialien auch gebraucht gekauft werden – in der Menge sind die Kosten aber meist dennoch sehr hoch. Es kann auch vorkommen, dass Lehrer etwa die teurere, aktuellste Auflage eines Buches verlangen.
Daher ist es nötig, dass sowohl die in der Oberstufe benötigten Schulbücher, als auch technische Geräte, wie graphische Taschenrechner und elektronische Übersetzer, über die Schule ausgeliehen werden können.

2.4 Nachhilfe
Des Weiteren, wandelt sich die Gesellschaft immer mehr dahingehend, dass beide Elternteile eines Kindes arbeiten bzw. die Eltern nichtmehr in einer Familie zusammen leben. Das bedeutet, dass eine Nachbereitung des Lernprozesses durch die Eltern nach der regulären Schulzeit nicht immer gewährleistet ist. Den betroffenen Schülern fehlt somit nach der Schule eine Bezugsperson, die bei der Verinnerlichung des Lernstoffes unterstützt und dem Kind beim heimischen Lernprozess dauerhaft und regelmäßig zur Seite steht. Zudem kommt es immer häufiger vor, dass Eltern nicht denselben Bildungsstand haben, den das Kind anstrebt. Sie sind somit oftmals nicht qualifiziert genug, um das Kind beim Lernprozess zu unterstützen.
Helfen kann qualifizierte Nachhilfe. Schüler aus einkommensschwachen Familien können sich diese jedoch oft nicht leisten. Es gibt zwar meist auch kostengünstige bzw. kostenlose Angebote an den Schulen, etwa „Schüler helfen Schülern“. Diese Konzepte sind jedoch nur bis zu einer bestimmten Klassenstufe verfügbar. Auch Nachhilfeunterricht können Kinder aus sozialschwachen Familien im Rahmen des Bildungspaketes erstattet bekommen. Doch gerade für Familien, die keine Sozialleistungen beziehen bzw. knapp oberhalb der diesbezüglichen Einkommensgrenze liegen, können die Kosten für Nachhilfe erdrückend sein.
Eine Möglichkeit, um die Chancengleichheit hier zu verbessern, ist die Einrichtung von offenen Ganztagsschulen. Hier wird es Kindern unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund ermöglicht, unter Zuhilfenahme von qualifiziertem Personal den Lernfortschritt, zu festigen. Somit würde man jedem Schüler ermöglichen, den außerschulischen Lernprozess bei Lernproblemen im heimischen Umfeld in die Schule zu verlegen. Die offene Ganztagsschule bietet hier großes Potential, da jeder Schüler individuell nach seinem Förder- und Forderbedarf die Zusatzangebote der Schule nutzen kann. Gleichzeitig können die Schüler ihren Hobbys und Interessen nachgehen, da sie nicht gezwungen sind, sämtliche Angebote der Schule zu nutzen, wie dies etwa bei einer geschlossenen Ganztagsschule der Fall wäre.

3. Chancengleichheit im internationalen Vergleich
Wie oben festgestellt wurde, ist die Chancengleichheit in Deutschland nicht immer gegeben. Dieses negative Fazit setzt sich auch international fort. Deutschland belegt etwa mit den USA einen der letzten Plätze in einer Studie des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW). In dieser Studie schneiden hingegen die skandinavischen Länder sehr gut ab. Die Gründe für den internationalen Misserfolg werden als Folge von Fehlern im Bildungssystem bezeichnet. Das Institut fordert, dass die Durchlässigkeit des Systems erhöht wird und Kinder aus sog. bildungsfernen Familien frühzeitig gefördert werden.
Dennoch lässt sich auch im internationalen Vergleich kaum Chancengleichheit feststellen. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie etwa Spanien, Italien und Griechenland schneidet Deutschland besser ab. Dies liegt darin begründet, dass in Ländern mit einer geringeren Wirtschaftsleistung die Aus- und Weiterbildung oftmals durch andere Prioritäten wie zügiges Geldverdienen ersetzt werden.

4. Fazit
Niedersachsen hat großes Potential seine Chancengleichheit zu verbessern und somit für ein gerechteres Schulsystem zu sorgen. Dafür müssen jedoch einige Faktoren angepasst werden, gerade was die Übernahme von Kosten und die Durchlässigkeit im Schulsystem angeht.
Eine vollständige Chancengleichheit ist nahezu unerreichbar. Dennoch ist es für Niedersachsen durchaus möglich, hier einen besseren Standard zu erreichen und somit auch Vorbild für andere Bundesländer in Deutschland zu werden.
Die Schüler Union Niedersachsen fordert daher:
1. Eine ohne großen bürokratischen Aufwand zu erreichende Übernahme von Kosten für außerschulische Veranstaltungen sowie Ausflügen und Klassenfahrten bis einschließlich zur Mittelstufe für Schüler, die eine entsprechende Bedürftigkeit nachweisen können.
2. Eine vollständige Übernahme der Beförderungskosten auch für Schüler der Oberstufe.
3. Die Möglichkeit auch in der Oberstufe Schulbücher ausleihen zu können, sowie technische Geräte, etwa graphische Taschenrechner, über die Schule ausleihen zu können.
4. Die landesweite Einrichtung offener Ganztagschulen.